WDVS, Vorhangfassade oder Kerndämmung: welches System wann passt
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Zwischen den Systemen liegt der Faktor acht
Je Quadratmeter Wandfläche kostet eine Kerndämmung der Hohlschicht ungefähr ein Achtel dessen, was eine hinterlüftete Vorhangfassade kostet. Verglichen damit ist die Wahl zwischen EPS und Mineralwolle eine Nachkommastelle.
Ein Preisvergleich über Systemgrenzen hinweg misst deshalb die Bauweise, nicht den Preis. Die erste Frage an ein Fassadenangebot ist: Welches System ist das eigentlich?
Diese Reihenfolge wird oft umgedreht. Es werden drei Angebote eingeholt, verglichen und das günstigste genommen – ohne zu bemerken, dass sie verschiedene Bauweisen beschreiben. Sinnvoll ist der umgekehrte Weg: erst das System festlegen, das zu Wand, Gebäude und Ziel passt, dann Angebote über dieses System vergleichen. Nur dann bedeutet eine niedrigere Summe auch tatsächlich einen günstigeren Preis.
Wärmedämmverbundsystem
Der Regelfall im Einfamilienhaus. Dämmplatten werden auf die Wand geklebt und gedübelt, darüber kommt eine Armierungsschicht mit Gewebe und darauf der Oberputz. Das System ist erprobt, vergleichsweise günstig und bei jeder Wandart möglich.
Nachteile sind der geschlossene Aufbau – Feuchte muss durch den Putz nach außen – und die Empfindlichkeit der Oberfläche gegen mechanische Beschädigung im Sockelbereich. Bei brennbaren Dämmstoffen kommen ab einer gewissen Gebäudehöhe Anforderungen an den Brandschutz hinzu, in der Praxis umlaufende Riegel aus nichtbrennbarem Material.
Für die Förderung ist ein U-Wert von höchstens 0,20 W/(m²·K) maßgeblich. Das entspricht bei einem üblichen Dämmstoff mit λ 0,032 einer Stärke in der Größenordnung von 150 Millimetern; wie viel es genau ist, hängt an der Bestandswand.
Hinterlüftete Vorhangfassade
Auf eine Unterkonstruktion kommt die Dämmung, davor mit Abstand die Bekleidung – Faserzementplatten, Schiefer, Holz, Blech oder Klinkerriemchen. Zwischen Dämmung und Bekleidung bleibt eine belüftete Luftschicht.
Bauphysikalisch ist das die robusteste Lösung: Feuchte trocknet über die Luftschicht ab, die Dämmung bleibt trocken, und die Bekleidung lässt sich einzeln austauschen. Die Lebensdauer liegt deutlich über der eines Putzsystems.
Dafür ist es die teuerste Variante, sie trägt stärker auf, und die Unterkonstruktion muss statisch geplant werden. Sinnvoll ist sie vor allem an schlagregenbelasteten Wetterseiten, bei ungleichmäßigen Untergründen und dort, wo eine sichtbare Materialität gewünscht ist.
Kerndämmung der Hohlschicht
Bei einem zweischaligen Mauerwerk – verbreitet im norddeutschen Klinkerbau – liegt zwischen tragender Innenschale und Verblendschale ein Hohlraum von meist vier bis zehn Zentimetern. Der lässt sich über wenige Bohrungen mit losem Dämmstoff verfüllen.
Das ist mit Abstand die wirtschaftlichste Maßnahme an der Fassade: kein Gerüst, keine Laibungen, keine Fensterbänke, keine Anbauteile, und die Ansicht des Hauses bleibt unverändert. In wenigen Tagen ist sie fertig.
Die Grenze ist der Hohlraum selbst. Er muss durchgehend, ausreichend breit und frei von Mörtelbrücken und Bauschutt sein, und die Außenschale muss schlagregendicht sein. Geprüft wird das mit einer Endoskopie über Probebohrungen – vor der Beauftragung, nicht danach.
Für die Förderung gilt bei diesem System kein U-Wert – mit sechs Zentimetern Hohlraum wäre der Regelwert von 0,20 auch gar nicht erreichbar. An seine Stelle tritt eine Anforderung an den eingeblasenen Dämmstoff: Seine Wärmeleitfähigkeit darf höchstens 0,035 W/(m·K) betragen. Achten Sie darauf, dass das Angebot den Bemessungswert des Materials nennt; an ihm hängt hier die Förderfähigkeit.
Innendämmung
Wenn die Fassade nicht angetastet werden darf – bei einem Baudenkmal, einer erhaltenswerten Klinker- oder Fachwerkfassade, an einer Grundstücksgrenze –, bleibt die Dämmung von innen.
Sie ist bauphysikalisch die anspruchsvollste Variante, weil sie den Taupunkt in die Konstruktion verschiebt: Die Bestandswand liegt danach kälter als vorher. Ohne eine dampfbremsende Ebene oder einen kapillaraktiven Dämmstoff schlägt sich Feuchte an ihrer Innenseite nieder.
Sie ist außerdem die einzige der vier, die sich raumweise ausführen lässt – ein echter Vorteil, wenn ohnehin nur einzelne Räume saniert werden. Der Preis dafür ist, dass an jeder Grenze zum ungedämmten Nachbarraum eine neue Wärmebrücke entsteht.
Dazu kommen die Anschlüsse: An jeder einbindenden Innenwand und an jeder Geschossdecke entsteht eine Wärmebrücke, die gesondert zu lösen ist. Und sie kostet Wohnfläche – bei einem Raum von vier mal fünf Metern und acht Zentimetern Aufbau rund einen halben Quadratmeter, umlaufend gerechnet deutlich mehr.
Für die Förderung gilt hier eine Regel, die viele überrascht: Einen eigenen, milderen U-Wert für die Innendämmung gibt es nicht. Die Anforderung hängt am Bauteil, nicht am System – auch von innen gedämmt muss die Außenwand 0,20 W/(m²·K) erreichen. Milder wird es nur über das Gebäude: 0,45 beim Baudenkmal, 0,65 bei einer Außenwand mit Sichtfachwerk. Wer von innen dämmt, sollte den U-Wert deshalb vor der Beauftragung rechnen lassen.
Praktisch bedeutet das: Mit den Dämmstärken, die sich in einem bewohnten Raum unterbringen lassen, wird der Regelwert nur selten erreicht. Fördermittel fließen bei diesem System fast immer über eine der beiden gelockerten Zeilen – und beide setzen ein entsprechendes Gebäude voraus, nicht eine bestimmte Bauweise.
Wie Sie herausfinden, ob Ihre Wand zweischalig ist
Weil die Kerndämmung mit Abstand das beste Verhältnis von Aufwand zu Wirkung hat, lohnt sich diese Frage vor allen anderen – und sie lässt sich weitgehend ohne Fachmann beantworten.
Ein erster Anhaltspunkt ist das Baujahr und die Region: Zweischaliges Mauerwerk ist vor allem im norddeutschen Klinkerbau verbreitet und dort seit etwa den 1950er-Jahren die Regel. Ein zweiter ist die Wandstärke: Messen Sie in einer Fensterlaibung von außen nach innen. Kommen Sie deutlich über 30 Zentimeter, ohne dass es sich um eine massive Vollziegelwand handelt, spricht das für zwei Schalen.
Der dritte und deutlichste Hinweis sind die Lüftungsfugen: offene Stoßfugen ohne Mörtel, meist in der untersten Steinreihe über dem Sockel und unterhalb der Traufe. Sie belüften die Hohlschicht und sind ein sehr zuverlässiges Zeichen. Auch ein sichtbares Muster aus Bindern und Läufern im Verband kann darauf hindeuten.
Sicherheit bringt am Ende nur die Endoskopie über eine kleine Probebohrung. Sie ist günstig, dauert eine halbe Stunde und liefert die drei Angaben, an denen die Entscheidung hängt: ob es eine Hohlschicht gibt, wie breit sie ist und ob sie frei von Mörtelbrücken und Bauschutt ist. Diese Prüfung gehört vor die Beauftragung, nicht danach.
Was die Systeme über die Lebensdauer unterscheidet
Die Entscheidung wirkt länger als die Baustelle, und die Systeme altern unterschiedlich.
Ein Wärmedämmverbundsystem hat eine Oberfläche, die zum Bauteil gehört: Der Oberputz ist die Wetterschutzschicht der Dämmung. Er hält lange, aber nicht ewig – irgendwann steht ein neuer Anstrich an, und damit wieder ein Gerüst. Auf Nordseiten und unter knappen Dachüberständen ist Algenbewuchs das häufigste optische Thema.
Die hinterlüftete Vorhangfassade trennt Dämmung und Wetterschutz: Die Bekleidung hängt vor der Dämmung, dazwischen zirkuliert Luft. Das ist bauphysikalisch die robusteste der drei Lösungen und entsprechend langlebig. Sie ist zugleich die teuerste und verändert die Ansicht des Hauses am stärksten.
Die Kerndämmung ändert an der Oberfläche nichts. Die Klinkerfassade bleibt, wie sie war, mit ihrem Wartungsverhalten und ihrer Lebensdauer – das ist der Grund, warum sie bei erhaltenswerten Sichtmauerwerksfassaden oft die einzige Lösung ist, die überhaupt in Frage kommt. Ihr Nachteil bleibt die begrenzte Dämmwirkung: Mehr als die vorhandene Hohlschicht hergibt, ist nicht zu holen.
Wie Sie das passende System eingrenzen
Vier Fragen führen in den meisten Fällen zu einer Antwort:
- Ist die Fassade zweischalig? Dann ist die Kerndämmung zu prüfen, bevor irgendetwas anderes gerechnet wird.
- Darf die Ansicht sich verändern? Wenn nein, bleibt Kern- oder Innendämmung.
- Ist die Wand schlagregenbelastet oder ungleichmäßig? Dann spricht viel für die hinterlüftete Vorhangfassade.
- Trifft nichts davon zu? Dann ist das WDVS in aller Regel die wirtschaftlichste Lösung.
Häufige Fragen
- Welches Dämmsystem ist das günstigste?
- Die Kerndämmung mit rund 40 Euro je m², wenn die Wand zweischalig ist und die Hohlschicht ausreicht – sie ist damit ungefähr ein Achtel einer hinterlüfteten Vorhangfassade. Danach folgen die Innendämmung (rund 115), das WDVS (rund 185) und die Vorhangfassade (rund 320). Die Frage ist allerdings selten der Preis, sondern welches System die Wand zulässt.
- Woran erkenne ich, ob meine Wand zweischalig ist?
- An der Wanddicke im Fensterlaibungsbereich, am Mauerwerksverband mit sichtbaren Binderschichten und im Zweifel an einer Endoskopie durch eine kleine Bohrung. Baujahre etwa ab den 1920er-Jahren und Regionen mit Klinkerfassaden sind typisch. Ohne durchgehende, ausreichend breite Hohlschicht scheidet die Kerndämmung aus.
- Ist eine Innendämmung förderfähig?
- Ja, aber an derselben Anforderung wie jede Außenwand: U ≤ 0,20 W/(m²·K). Einen eigenen, milderen Wert für Innendämmung gibt es nicht – die Richtlinie stellt auf das Bauteil ab, nicht auf das System. Bauphysikalisch ist dieser Wert von innen schwer zu erreichen, und genau daran scheitern viele Innendämmungs-Angebote förderrechtlich.
- Was gilt für ein Haus mit Sichtfachwerk?
- Für Außenwände mit Sichtfachwerk – Innendämmung bei Fachwerkaußenwänden, Erneuerung der Ausfachungen – gilt der mildeste Wert der Bauteilgruppe: U ≤ 0,65 W/(m²·K). Diese Zeile hängt am Gebäude, nicht am System, und sie lässt sich aus einem Angebot allein nicht erkennen – hier hilft der Energieeffizienz-Experte.
- Verändert eine Dämmung immer die Ansicht des Hauses?
- Bei WDVS und Vorhangfassade ja – die Fassade wandert um die Dämmstärke nach außen, Fensterlaibungen werden tiefer, der Dachüberstand kürzer. Kerndämmung und Innendämmung lassen die Ansicht unberührt. Wenn die Ansicht erhalten bleiben muss, sind das die beiden einzigen Optionen.
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